Hochmoderne Waschmaschine für das Abwasser

In der Gruppenkläranlage an der Hartbrücke werden täglich rund 14000 Kubikmeter Wasser gereinigt

Presseartikel aus dem Bergsträßer Anzeiger vom 25.08.2015  von BA-Mitarbeiterin Gerlinde Scharf

 

LaborWer einer Kläranlage zu nahe kommt, muss darauf gefasst sein, dass es dort gewaltig stinkt. Glaubt man. Denkste! Das ist längst Vergangenheit, versichern Frank Daum, Geschäftsführer des Zweckverbandes Kommunalwirtschaft Mittlere Bergstraße (KMB) und Daniel Zimmermann, Geschäftsbereichsleiter Kläranlagenbetrieb.

Tatsächlich. An der Hartbrücke 18 in Bensheim, dort, wohin die Gruppenkläranlage 1974 von ihrem ehemaligen Standort auf dem späteren ADAC-Gelände umgezogen ist, riecht man nichts. Alles scheint schon beinahe klinisch sauber zu sein. Computer und Schaltpläne, wohin man schaut. Ein eigenes Labor gibt es obendrein. Die Hände muss sich hier keiner mehr dreckig machen. Lediglich in Eingangsnähe, ein paar Schritte vom Abwasserzulauf entfernt, von wo aus die trübe Flüssigkeit vorwiegend aus Privathaushalten, einigen gewerblichen Unternehmen sowie ein geringer Anteil an Niederschlagwasser durch ein weit verzweigtes, unterirdisches Kanalnetz noch unbehandelt in das Regenüberlaufbecken geleitet wird, müffelt es leicht. Die Nase rümpfen muss man deshalb noch lange nicht. Die Zeiten haben sich in den vergangenen 40 Jahren gewaltig geändert. Die Gruppenkläranlage Bensheim, in der es den Abwässern aus den KMB-Verbandsgemeinden Bensheim, Einhausen und Lautertal an den Kragen geht, ist ein hochmoderner, technisch nach den neuesten Erkenntnissen aufgemöbelter Betrieb. Anfang der 1980er Jahre wurde sie um eine Schlammentwässerungsanlage erweitert, Mitte der Neunziger den gestiegenen Anforderungen und gesetzlichen Gegebenheiten an die Wasserqualität sowie dem neuesten Stand der Technik entsprechend gründlich hochgerüstet. Ziel der Investitionen war es, Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphat zu eliminieren.

Geschützte Fischarten

Wenn die „Dreckbrühe“ die Kläranlage wieder verlässt und in den Mühl- und Mittelgraben fließt, ist das Wasser so sauber, dass sich inzwischen wieder seltene, besonders geschützte Fischarten darin tummeln – wie etwa der Steinbeißer. Und er ist nicht der Einzige, auch der Flussbarsch, das Rotauge, die Kessel- und die Schwarzmundgrundel, Gründling und Döbel fühlen sich pudelwohl. Rainer Hennings vom Verband Hessischer Fischer hat einige wenige Vorzeige-Exemplare aus dem Graben herausgefischt und sie im Kontrollraum der Kläranlage in ein Aquarium gesetzt. Auch zu Demonstrationszwecken für Schulklassen, die sich hier gern und oft umsehen – und aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.
Logischerweise sind KMB-Spitze, aber auch Leitung und Mitarbeiter der Abwasser-Waschmaschine stolz auf die sehr guten Messwerte, die in kurzen Abständen regelmäßig von externen Stellen kontrolliert werden. Vom Mühl- und Mittelgraben aus sucht sich das gereinigte Lebenselixier zunächst seinen Weg durch den Winkelbach und mündet schließlich in den Rhein. „Die Kläranlage ist quasi die Quelle“, erklärt Geschäftsbereichsleiter Zimmermann den aufwendigen Reinigungsprozess kurz und bündig. Tatsache ist, der Weg vom Schmutz- zum Quellwasser ist alles andere als Hexerei und bis ins kleinste Detail ausgetüftelt: Drei Reinigungsstufen muss das Abwasser über sich ergehen lassen, bis es wieder Tageslicht sieht. Die mechanische Reinigung steht am Anfang. Mit einer Rechenanlage des Sand- und Fettfangs wird zunächst der gröbste Schmutz herausgefiltert, wobei sich die im Abwasser schwebenden Feststoffe im Vorklärbecken am Boden als  Klärschlamm absetzen. 30 Tage dauert das Prozedere, das einen positiven Nebeneffekt hat: Die Klärschlämme werden im Faulturm anaerob stabilisiert, das dabei entstehende Biogas in einem eigenen Blockheizkraftwerk zu Strom und Heizwärme für den Eigenbetrieb des Klärwerks umgewandelt. Der entwässerte Klärschlamm wird momentan noch als Dünger an die heimischen Landwirte abgegeben. Es folgt Reinigungsstufe Nummer zwei, in der eine biologische Phosphatentnahme durch Mikroorganismen stattfindet. Los geht es in einem unbelüfteten Becken, anschließend wird in einem Belebungsbecken mittels eines biologischen Stoffwechselprozesses Stickstoff abgebaut.
Mikroorganismen bauen anschließend die noch vorhandenen Schadstoffe im Wasser ab und bilden den sogenannten „Belebtschlamm“.

Stillstand gibt es nicht

Weiter geht’s mit Stufe drei. Zur Unterstützung des biologischen Großreinemachens findet zu guter Letzt bei Bedarf eine chemische Reinigung statt, bei der nochmals verbleibende Phosphate im Wasser durch Eisen- und/oder Aluminiumsalze „eliminiert“ werden. „Stillstand gibt es nicht. Die Uhr bleibt nicht stehen“, versichern Daum und Zimmermann. Im nächsten Monat wird auf der Anlage ein neues Blockheizkraftwerk in Betrieb genommen, mit dem man zukünftig den eigenen Energiebedarf des Klärwerks bis auf einen kleinen Prozentsatz selbst abdecken will. Auch beim Blick in die nahe Zukunft sind sie einer Meinung: Die vierte Reinigungsstufe zur Reduzierung von Mikroverunreinigungen, beispielsweise durch Medikamentenrückstände wie die Antibabypille, wird kommen. Am Bodensee, dem größten Trinkwasserspeicher Deutschlands, und an der Isar mit ihren zahlreichen Badeseen, ist die Vision bereits Realität. Die Zeiten, in denen Klärschlamm aus der Kläranlage zum Düngen der Felder verwendet wurde, dürften ebenfalls bald vorbei sein. Langfristig soll dieser nicht mehr auf die Felder aufgebracht, sondern verbrannt werden.

Kanäle verstopfen öfter als früher

Man glaubt es kaum, aber ein Besuch in einer Kläranlage kann durchaus spannend und aufschlussreich sein. Und wer denkt schon daran, wenn er die Spültaste seiner Toilette drückt, was mit dem „Geschäft“ passiert? Auch ein nicht uninteressantes Thema: Weil immer mehr Bürger Gutes für die Umwelt tun wollen und auf WC-Spartasten vertrauen, wird weniger Wasser in die Kanäle gespült, die dadurch schneller verstopfen. Der normale Spüleffekt fehlt. Fazit: Die KMB muss öfter als früher ihre Reinigungsfahrzeuge vor Ort schicken. Allerdings bedeutet dies nicht, dass die Kunden im Verbandsgebiet dafür zur Kasse gebeten werden, beruhigen Frank Daum und Daniel Zimmermann.

Klärwerk in Bensheim: Täglich werden 14000 Kubikmeter Abwasser gereinigt

  • Daniel Zimmermann, Geschäftsbereichsleiter Kläranlagenbetrieb, hat neun qualifizierte Mitarbeiter. Zimmermann ist gelernter Gas- und Wasserinstallateur.
  • Er ist weiter Fachkraft für Wassertechnik, Abwassermeister und technischer Betriebswirt. In der Gruppenkläranlage
    Bensheim ist er seit 2009 beschäftigt, seit 2011 ist er Betriebsleiter.
  • Betreiber der Kläranlage ist der Zweckverband Kommunalwirtschaft Mittlere Bergstraße. Verbandsmitglieder sind Bensheim, Einhausen und Lautertal.
  • Das Kanalnetz hat eine Länge von 329 Kilometern. 23 Pumpwerke, 18 Regenüberlaufbecken, 33 Regenüberlaufbauwerke
    und 19 Kilometer Druckleitungen sorgen dafür, dass das Abwasser kontrolliert in der Kläranlage ankommt.
  • Täglich werden durchschnittlich 14 000 Kubikmeter Abwasser gereinigt. Die Verweildauer in der Kläranlage beträgt rund 28 Stunden.
  • Die vergangene Trockenperiode hat keinerlei außergewöhnliche Maßnahmen notwendig gemacht. Bei Trockenwetter dehnt sich der Klärprozess auf circa 39 Stunden aus (etwa10 000 Kubikmeter Abwasser), bei Regenwetter verkürzt sich die Zeitvon der Einleitung des Abwassers biszur Ableitung des gereinigten Wassersauf etwa 20 Stunden (rund 20 000 Kubikmeter Abwasser).
  • Der Jahresenergiebedarf für den Betrieb der Anlage liegt bei 1,9 Millionen Kilowattstunden. Rund 800 000 Kilowattstunden erzeugt das eigene Blockheizkraftwerk, der Rest wird als Ökostrom zugekauft.
  • Durch das neue Blockheizkraftwerk will man das Verhältnis umkehren.

 

Aufbau der Kläranlage:  www.kmb-bensheim.de/gruppenklaeranlage-bensheim/

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